Jedwabne

Der Ort steht für Verbrechen von Polen an Juden während der deutschen Besatzung.

Die Erschütterung des polnischen Selbstbildes

In seinem aufsehenerregenden Buch Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne rückte der in New York lehrende polnische Soziologe Jan Tomasz Video Gross das jüdisch-polnische Verhältnis während und nach dem II. Weltkrieg in ein ganz neues Licht. Nach seiner Darstellung war in dem im Nordwesten Polens liegenden Städtchen das Verhältnis zwischen Juden und Polen in Jedwabne während der II. Republik relativ gut. Dann kam der Ort im September 1939 unter sowjetische Besatzung. Es gibt keine Hinweise, daß die 1600 Juden unter den 2500 Einwohnern in besonderem Maße mit den Sowjets kollaborierten, doch waren die Polen vielfach davon überzeugt, daß die zahlreichen Denunziationen auf die Verantwortung von

Jedwabne
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Gedenkfeier in Jedwabne am 10. Juli 2001

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Juden gingen. Mit dem Einmarsch der Deutschen im Juni 1941 begann in der Gegend eine Pogromwelle. Nach vorheriger Absprache der Stadtverwaltung mit deutschen Stellen bzw. der Ermutigung durch diese trieben am 10. Juli polnische Bewohner von Jedwabne gemeinsam mit Bauern aus der Umgebung ihre jüdischen Nachbarn auf dem Marktplatz zusammen. Die Hälfte der erwachsenen polnischen männlichen Bevölkerung der Stadt ist von Zeugen

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Im Warschauer Ghetto
Die Vernichtung der polnischen Juden 1939-1943
Kollaboration
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Ukrainische Kollaborateure

namentlich genannt worden, wahrscheinlich waren weit mehr Personen beteiligt. Zwar war eine Handvoll Deutsche zu diesem Zeitpunkt in der Stadt, doch beschränkte sich ihre Beteiligung aufs Fotografieren. Manche Juden wurden abseits des Platzes mit Stangen, Steinen oder Messern grausam umgebracht oder ertränkt, die auf dem Marktplatz versammelten wurden mißhandelt und erniedrigt. Schließlich wurden die Juden in eine

nahgelegene Scheune getrieben und in dieser bei lebendigem Leib verbannt.ZitatAnschließend bereicherten sich die an dem Pogrom Beteiligten am Besitz der Opfer. Um 1950 wurden 21 Beteiligte vor Gericht gestellt, während ein anderes Gericht 1969 zwei deutsche Polizeibataillone als die Schuldigen bezeichnete.
Gross macht deutlich, daß das Massaker, das nur ein Beispiel von polnischen Exzessen gegen Juden war, ohne die Anwesenheit der Deutschen nicht stattgefunden hätte, und daß es Teil von Hitlers Krieg gegen die Juden war. Andererseits erinnert er an uralten antijüdischen Irrglauben, der im Polen des 20. Jh. noch verbreitet war, und daran, daß die Rettung von Juden die Helfer in den Augen ihrer Landsleute stigmatisierte. Zugleich sei Habgier ein zentrales Motiv der Täter von Jedwabne gewesen. Er mahnt zu einem Bewußtsein kollektiver Verantwortung angesichts einer völlig neuen kriminellen Dimension im Verhältnis zwischen Juden und Polen.
Gross Buch war im Mai 2000 erschienen, die vielen, oft heftigen Reaktionen auf Nachbarn setzten nach einer gewissen Verzögerung ab

Herbst 2000 ein. Zwar bestritt niemand die Täterschaft der polnischen Bewohner von Jedwabne, doch wurde auf mögliche Umstände und Motive hingewiesen, die die polnische Täterschaft relativierten, etwa der Kontrast zwischen sowjetischem Terror und aktivem polnischen Widerstand einerseits und der - angeblichen - Begünstigung der Juden und ihre - angebliche - Kollaboration mit den Sowjets andererseits. Möglicherweise sei eine größere Zahl Deutscher vor Ort gewesen und habe die Polen zu morden gezwungen. Andere begrüßten Gross‘ Buch als den Beginn einer ehrlichen, entromantisierten Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die nicht bei der Vergewisserung über die eigene Opfer- und Heldenrolle stehenbleibe.ZitatSowohl Verteidiger als auch Kritiker von Gross‘ Thesen wiesen darauf hin, daß die Polen selber Opfer gewesen seien und die große Zahl derer, die Juden retteten, nicht von der Hand zu weisen sei.
Das Institut für Nationales Gedenken, das mit der Ermittlung und Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen beauftragt ist, untersuchte die Vorgänge in Jedwabne. Eine

Öffnung der Massengräber erbrachte den Nachweis von lediglich 250 Opfern, was einem Viertel aller Juden von Jedwabne gleichkommt. Überhaupt ergaben sich mehr neue Fragen auf als sichere Antworten, doch konnte der Kern von Gross‘ Darstellung nicht erschüttert werden.
Am 60. Jahrestag des Massakers stand an der Stelle der Scheune ein neuer Gedenkstein, dessen Inschrift aufgrund des noch ausstehenden Abschlusses der Ermittlungen die polnischen Täter (noch) nicht erwähnte: „Den künftigen Generationen, damit die Sünde des Hasses, vom deutschen Nazismus entfacht, nie wieder die Menschen dieses Fleckens Erde gegeneinander aufbringen möge.“ Auf der Feier bat Präsident Kwasniewski um Vergebung Zitat. Der aus Polen stammende israelische Botschafter Weiss erinnerte an jene Scheunen, die er mit seiner Rettung durch Polen verbindet. Die Rechte blieb fern, ebenso die Bischöfe, die bereits Ende Mai ein gemeinsames Bußgebet auf dem Gebiet des Warschauer Ghettos abgehalten hatten. Die tiefere Wirkung von „Jedwabne“ auf das polnische Geschichtsbewußtsein lässt sich noch kaum abschätzen.

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