Eine forcierte Germanisierungspolitik des Deutschen Reichs geht in eine deutschnationale Kampfpolitik über. Sie erreicht jedoch das Gegenteil ihres Zweckes: das polnische Nationalbewußtsein wuchs.
Die deutsche Politik stand in der Zeit der Reichsgründung vor einer Herausforderung: Die 1867 gegründete österreichisch-ungarische Doppelmonarchie (1867) hatte den Polen im österreichischen Teilungsgebiet ausgedehnte Selbstverwaltungsrechte eingeräumt. Das strahlte in die anderen Teilungsgebiete aus.
Bismark wollte Freiheitsbewegungen durch energische Germanisierung entgegenwirken. 1872 wurde z.B. das preußische Schulaufsichtgesetz erlassen, das dem polnischen Klerus jeden Einfluß auf Schulen entzog. 1873 wurde außerdem
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bestimmt, daß Schulunterricht in deutscher Sprache zu erfolgen habe. Geistliche, z. B. Erzbischof Ledochowski von Gnesen-Posen, die sich widersetzten, wurden entlassen oder verhaftet. 1876 und 1877 wurden Sprachgesetze erlassen, die im Umgang mit Behörden, Beamten, politischen Körperschaften und Gerichten die deutsche Sprache vorschrieben. Die polnische Bevölkerung
sah sich demonstrativ auf die Stufe von Preußens Staatsangehörigen zweiter Klasse herabgesetzt und begann deshalb mit der Gründung polnischer Vereinigungen. 1885 wurde gar eine Massenausweisung von Polen durchgeführt, die aus Kongreßpolen und Galizien eingewandert waren: 25914 Menschen wurden angeblich zur „Vorbeugung“ gegen polnische Agitation ausgewiesen. Insbesondere diese ließ den Haß gegen deutsche „Kreuzritter“ heftig anschwellen.
1886 wurde eine Königlich-Preußische Ansiedlungskommission gegründet, mit 500 Mio. Mark ausgestattet, die Land von polnischen Adligen kaufte, den Grundbesitz teilte und ihn an deutsche Erbpächter vermittelte, um im Teilungsgebiet ein Übergewicht von Deutschen herzustellen. Damit wurde gegen den Grundsatz der Gleichheit massiv verstoßen. Die deutsche Politik war auf die Gewinnung absoluter deutscher Majorität (nach Besitzfläche und Bevölkerungszahl) auf dem Land gerichtet. 1906 streikten 40000 polnische Schüler
in Wreschen gegen den 1900 vom preußischen Kultusministerium angeordneten obligatorischen deutschsprachigen Religionsunterricht.
1908 kam gar das Reichsvereinsgesetz Gebrauch deutscher Sprache auch im Religionsunterricht. zustande, das die deutsche Sprache für alle genehmigungspflichtigen Versammlungen vorschrieb, mit Ausnahme der Orte, in denen die polnische Bevölkerung mehr als 60 Prozent ausmachte. Alle diese Maßnahmen nationaler Kampfpolitik wirkten nicht gerade als Werbung für die deutsche Kultur.
Statistische Erhebungen ergaben darüber hinaus, daß der gewünschte Effekt verfehlt wurde. Die deutsche Bevölkerung nahm im preußischen Teilungsgebiet Polens ab. Deutsche Bauern zogen häufig gen Westen, und die Polen bekamen mehr Kinder als die Deutschen. Die deutsche Regierung ging deshalb dazu über Beamte, Angestellte und Arbeiter von Militär, Bahn und Post in die Ostmarken zu versetzen.
Um dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Erfolge der aggressiven Germanisierungs- und Kampfpolitik vorzuspiegeln, wurden Posen 1902 komplett beflaggt, um eine treue deutsche Stadt vorzuspiegeln. Ein Berichterstatter bemerkte: „Daß die Stadt Posen viel mehr polnisch als deutsch ist, konnte während der Festtage das schärfste Auge nicht merken.“ ![]()
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