Rechter Geist, pragmatische Politik
1949 lebten 7,6 und 1953 8,4 Millionen Vertriebene in der Bundesrepublik. Diese hatten zunächst keine eigene politische Stimme, da die Besatzungsbehörden aus Angst vor dem Protestpotential dieser deklassierten Massen Vertriebenenparteien nicht erlaubten. Die erste Bundestagswahl von 1949 bestritten die lizenzierten Parteien noch ohne die Konkurrenz einer Vertriebenenpartei, deren Verhinderung sie begrüßt hatten. Sie teilten die Meinung der Alliierten, daß eigene Parteien die Integration der Vertriebenen erschwerten.
Mit dem Wegfall der Lizenzierung kurze Zeit später bildeten sich in den Bundesländern bald verschiedene Parteien. Sie gingen zum Teil aus sog. Notgemeinschaften hervor, in denen die Vertriebenen und andere Kriegsgeschädigte Selbsthilfe organisierten. Am 27./28. Januar 1951 konstituierte sich in Bonn die Bundesorganisation des „Blocks der
Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE) und wählte den Posener Waldemar Kraft zu ihrem Vorsitzenden.
Schon vor diesem Ereignis war die Grundausrichtung des BHE entschieden: gegen die aus dem „Heimatrecht im Osten“ abgeleitete außenpolitische Richtung hatte sich die auf unmittelbare soziale Belange gerichtete
Orientierung durchgesetzt. Um das geforderte „Lebensrecht im Westen“ umzusetzen, beteiligte sich der BHE an verschiedenen Länderregierungen und gehörte nach der zweiten Bundestagswahl 1953, bei der sie 27 Sitze (5,9 % der Stimmen) errang, auch der Regierung in Bonn an. Ein Jahr zuvor hatte sie trotz heftiger Kritik nach außen dem Lastenausgleichsgesetz zugestimmt.
Der BHE war in ideologischer Hinsicht stark völkisch geprägt und hatte unter seinen Funktionären einen größeren Anteil an früheren Nationalsozialisten als alle anderen Parteien.
Zum Beispiel wollte sie ein Deutschland in den Grenzen von Januar 1945, sofern diese „völkerrechtlich einwandfrei“ seien. Die Vertreibung wurde nicht im Zusammenhang mit den deutschen Verbrechen gedeutet, sondern auf eine „Kreml-Verschwörung“ zurückgeführt. Dennoch übertrat die Partei die Grenze zum Revanchismus und Rechtsextremismus ausschließlich rhetorisch, denn ihre Vorsitzenden trugen faktisch die Politik Adenauers mit
und verfolgten vorrangig die sozioökonomische Integration der Vertriebenen. Immerhin kam es 1954 zum
Rücktritt Waldemar Krafts, der wegen der Westintegration der Bundesrepublik in die Kritik geraten war. Sein Nachfolger Theodor Oberländer war nicht einmal ein Jahr im Amt, ehe ein Teil der Partei das Saar-Statut als Präzedenzfall für einen Gebietsverzicht
gewertet wissen wollte und Oberländer mit seinen Anhängern zur CDU wechselte.
1957 scheiterte die Partei an der Fünf-Prozent-Hürde. Indem er sich um die wirtschaftliche Integration der Vertriebenen bemühte, sägte der BHE am eigenen Ast.
Besonders der Mittelstand, der zuvor besonders unter der Deklassierung durch den Verlust der Heimat gelitten hatte, war durch den neuen Wohlstand zufriedengestellt und sah sich durch die übrigen Parteien repräsentiert. Auch eine Radikalisierung nach rechts hin konnte der Partei ihre Attraktivität nicht bewahren. Trotz des Zusammenschlusses mit der Deutschen Partei 1961, die ebenfalls dem Bürgerblock angehörte, versank die BHE in der Bedeutungslosigkeit.