Dedecius wurde 1921 in Lodz als deutscher Staatsangehöriger geboren. Nach langer Kriegsgefangenschaft gelangte er nach Westdeutschland. 1959 begann seine eifrige Übersetzungstätigkeit polnischer Literatur. 1980-97 war er Leiter des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt.
Karl Dedecius wird 1921 in Lodz geboren. Er wächst zweisprachig auf und besucht das polnische Gymnasium, hat aber die deutsche Staatsbürgerschaft. In seiner Klasse lernen Polen Deutsche, Juden sowie ein Russe und ein Franzose. 1939 meldet er sich in Anschluß an sein Abitur zum polnischen Arbeitsdienst, um später in Polen studieren zu können.
Bei Kriegsausbruch befindet er sich in Ostpolen. Er tritt einen langen Fußmarsch nach Hause an, nur um kurze Zeit nach seiner Ankunft in den deutschen Arbeitsdienst eingezogen zu werden. Er wird Soldat und kommt nach Stalingrad. Er überlebt alle Gefahren, einschließlich der langen Gefangenschaft. Nach sieben Jahren wird er
entlassen und gelangt nach Thüringen, wo es ihn jedoch nicht lange hält. Er flieht nach West-Berlin, von wo es ihn in die Pfalz verschlägt. Schließlich wird er 1954 nach langer, wenig erfolgreicher Arbeitssuche Angestellter bei der Allianz Versicherung in Frankfurt am Main. In der Zeit bis zu seinem Ausscheiden 1978 bringt er es bis zum Abteilungsleiter und Prokuristen. Zusätzlich zu dieser Brotarbeit entfaltet Dedecius eine überaus fruchtbare literarische Tätigkeit. Im Mittelpunkt dieser Tätigkeit steht die polnische Kultur, mit der er aufgewachsen ist. Dabei ist zu bedenken, daß der Literat Dedecius nie eine Hochschule besucht hat, worin er dem deutsch-polnisch-jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gleicht. Dieser sagt in einer Laudatio an ihn, er sei „ein Dilettant. Das war einst weniger ein Nichtfachmann als vor allem einer, der sich mit der Kunst beschäftigt, weil er sie liebt, einer, der sich von Bewunderung und
Begeisterung treiben läßt und der, nachdem er Jahrzehnte lang mit der Kunst und für die Kunst gelebt hat, die Fachleute weit zu übertreffen vermag.“ 1959 erscheint nun unter dem Titel „Lektion der Stille“ seine erste Übersetzung polnischer Lyrik. Denn dieser Band ist der Beginn einer außerordentlich langen Reihe von Veröffentlichungen, die bis heute, im Jahr 2002, mehr als hundertzwanzig Bände zählt. Der Löwenanteil sind Übersetzungen polnischer Literatur, bevorzugt von Lyrik, der Dedecius‘ besondere Zuneigung und Aufmerksamkeit gilt. Außerdem schreibt Dedecius über die polnische Literatur und die polnische Geschichte. Er versteht seine Arbeit als Übermittlung polnischer Kultur, wie er auch das Übersetzen als Über-setzen zwischen zwei Ufern auffaßt. Dabei ist es seiner Ansicht nach deshalb so wichtig, polnische Literatur in Deutschland bekanntzumachen, weil das Interesse an Polen hierzulande stets im Schatten des
Interesses für Rußland stand. Dabei sei es wichtig, sich nicht nur die Literaturen Rußlands, Nord- und Südamerikas zu beschäftigen, sondern auch mit denen unserer Nachbarvölker, über die weniger bekannt und deren Sprachen weniger gelernt würden. Ein weiteres Hindernis für ein breites deutsches Interesse an der polnischen Literatur seien die negativen und furchtbaren Erfahrungen, die ihre Autoren mit Deutschland gemacht haben. „Die Trauerarbeit, die es von uns zu leisten gilt, besteht nun darin, aus der Fülle der polnischen Literatur jene Werke auszuwählen, die geeignet sind, Deutsche und Polen als europäische Nationen wieder zusammenzubringen“, sagte er in einem Interview. Besondere Erfolge dieser Arbeit sind etwa die hunderttausendfach verkauften „Unfrisierten Gedanken“ des Aphoristikers Stanislaw Jerzy Lec, oder die Popularität des Lyrikers Zbigniew Herbert. Schon in den
sechziger Jahren, als das deutsch-polnische Verhältnis äußerst kühlt war, erhielt Dedecius Anerkennung aus Polen, etwa durch die Verleihung des Übersetzerpreises des polnischen PEN 1965. Die so geschaffenen kulturellen Kontakte gingen der politischen Annäherung in der neuen Ostpolitik voraus.