Das schlesische Kattowitz, im 19. Jahrhundert eine der großen deutschen Industriemetropolen, wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschen, die um den Besitz von Oberschlesien ringen.
Das Dorf Kattowitz, auf dem Grund eines mittelalterlichen Hammerwerkes errichtet, findet erstmalig im Jahr 1598 Erwähnung. Nach Jahrhunderten der polnischen und tschechischen Herrschaft gehört Kattowitz seit 1742 zu Preußen. Mit dem Anschluß an die Eisenbahnverbindung nach Berlin im Jahr 1846 wird der Startschuß für die Nutzung der reichen Steinkohlevorkommen gegeben. Unter der Leitung von Friedrich Wilhelm Grundmann wird die erste Hütte gegründet, wichtige Gebäude errichtet und die Region beiderseits des Rawa-Flusses mit Industrie besiedelt.
1865 wird Kattowitz das Stadtrecht verliehen. 1889 wird die „Kattowitzer Aktien-Gesellschaft“ gegründet und große Bankhäuser lassen sich in der Stadt nieder. Um die Jahrhundertwende wird Kattowitz wird mit seinen verschiedenen Industriezweigen zur bedeutenden Metropole und zum Standort wichtiger Institutionen.
Dieser Reichtum weckt das Interesse polnischer Nationalisten, die auf die Abtrennung Oberschlesiens vom Deutschen Reich abzielen und auf die Vielzahl polnischer Arbeiter verweisen, die um die Jahrhundertwende einwandern, um hier bessere Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten zu finden. Es werden Vereine in der Region
gegründet, die mit Unterstützung der polnischen Oberschicht für die polnisch-nationalen Ideen werben.
Der Erste Weltkrieg führt zu einem weiteren Aufschwung der Stadt, insbesondere in der Stahlproduktion. Ende 1918 ist Kattowitz das Zentrum einer reichen Industrieregion, die bald zum Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschen wird. Als Teil Oberschlesiens wird sie zum Thema der Friedensverhandlungen von Versailles. Als die deutsche Regierung mit den Forderungen Frankreichs konfrontiert wird, das gesamte Oberschlesien mit einigen Gebieten Mittelschlesiens an den polnischen Staat abzutreten, brechen in Deutschland organisierte Massenproteste aus, mit denen die Siegermächte zu einer Volksabstimmung in Oberschlesien über die staatliche Zukunft der Region veranlaßt werden. In deren Vorfeld herrscht eine national aufgeladene Stimmung in
der Stadt, die sich in zwei polnischen Aufständen unter Führung des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Wojciech Korfanty entlädt. Der Versuch, noch vor der Abstimmung eine Entscheidung für die Zugehörigkeit zum polnischen Staat zu erzwingen, scheitert. Am 20. März 1921 entscheidet sich die Mehrheit der Bevölkerung von Kattowitz für den Verbleib im Deutschen Reich. Nach dieser Niederlage bricht ein dritter Aufstand aus, der nach seinem Anführer den Namen „Korfanty-Aufstand“ erhält. Auch diese wiederholte Erhebung der polnischen Nationalisten wird von den alliierten Truppen niedergeschlagen. Ein Ausschluß des Völkerbundes fällt schließlich am 20. Oktober 1921 die Entscheidung, daß Oberschlesien anteilig zwischen Deutschland und Polen aufgeteilt wird. Durch die Grenzziehung zwischen den mehrheitlich polnischen und deutschen Gemeinden fallen 90 Prozent der oberschlesischen Industrieregionen an Polen - darunter auch die Stadt Kattowitz,
die zur Hauptstadt der autonomen Provinz Schlesien erklärt und Sitz des schlesischen Parlaments wird. Die Zwischenkriegszeit ist für die Stadt eine Phase intensiver Entwicklung. Sie wird zum größten Wirtschaftszentrum in Polen und erhält 1927 einen Flughafen.
Am 8. September 1939 wird die Stadt von den deutschen Truppen besetzt. Im Verlauf des Krieges wird die Stadt schwer verwüstet und weitgehend zerstört. Doch nach Ende des Krieges entwickelt sich die Stadt schnell wieder zum industriellen Zentrum der Region und wird Sitz der Administration in Schlesien. Bis 1956 heißt die Stadt Stalinogrod. 1968 erhält sie eine eigene Universität. 1981 bricht in der Zeche „Wujek“ ein Streik der Bergarbeiter aus, der von den Regierungstruppen blutig niedergeschlagen wird.
Heute ist die Stadt Kattowitz ein wichtiges Kultur- und Wissenschaftszentrum mit 12 Hochschulen und zahlreichen Forschungsanstalten sowie Hauptstadt des Erzbistums Schlesien.