In der Stadt Wreschen bei Posen kommt es wegen der neuen Sprachregelung 1901 zu einem Schulstreik. Der darauffolgende Prozess löst europaweite Proteste aus.
Die Postkarte wurde 1902 im russisch besetzten Krakau gedruckt. Auf ihr zu sehen sind 15 polnische Volkshelden. Die acht Mädchen und sieben Jungen sind zwischen 12 und 15 Jahre alt. Die Schüler der katholischen Volksschule in Wreschen/Wrzesnia schauen entschlossenen Blicks in die Kamera. Auf einer zweiten Postkarte sieht man eine augenscheinlich kranke Frau im Bett. Um das Bett herum stehen fünf Kinder und eine alte Frau, wahrscheinlich die
Großmutter. Auf der Karte steht, ebenso wie auf der anderen, „Pamietajmy o Wrzesni! Gedenken an Wreschen“. Und darunter liest man: Chora Piasecka, wurde von einem preußischen Gericht mit 2 ½ Jahren Gefängnis bestraft. Inzwischen steht in der Stadt ein monumentales Denkmal, dass Kinder und Eltern in Heldenpose zeigt. Postkarte und Denkmal erinnern an den Wreschener Schulstreik. Am 1.April 1901 wird verfügt, dass nun auch der Religionsunterricht, die letzte Nische polnischen Nationalgefühls, ausschließlich in deutscher Sprache stattzufinden hat. Etwa 70 Prozent der 5000 Wreschener gehören zur polnischen Bevölkerungsgruppe. Schüler der katholischen Volksschule in Wreschen beschließen auf Anraten ihrer Eltern und Geistlichen das Gesetz zu boykottieren. Die Schüler verweigern die Annahme des deutsch gedruckten Katechismus, sie lernen die religiösen Texte nicht und verweigern jede Antwort in Deutsch.
Als die Lehrer nicht mehr weiter wissen ordnet der herbeigerufene Schulinspektor Winter körperliche Züchtigungen an. Die Exekution spricht sich schnell herum. Aufgebrachte Eltern laufen die Schule und fordern Inspektor und Lehrer auf, die Prügelstrafen zu unterlassen. Das Gerichtsprotokoll überliefert Ausrufe. ![]()
Ein herbeigeeilter Schutzmann löst, nachdem er die Namen der Beteiligten notiert hat, den Tumult auf. Der Prozess gegen die polnischen Eltern in Gnesen ist hochkarätig besetzt und erregt großes Aufsehen. Der Verteidiger des Klägers Schulinspektor Winter ist Justizrat Wagner, stellvertretender Vorsitzender des Ostmarkenvereins, auf polnischer Seite nehmen mehrere polnische Reichstagsabgeordnete teil. Solidaritätskomitees werden gegründet. In der Presse schlagen Prozess und Urteil hohe Wellen. Die Verteidiger halten ausführliche Plädoyers und erinnern daran, dass der König 1815 und 1863 versprochen hat, dass „weder Eure Religion, noch Eure Muttersprache eine Einbusse erleiden!“ Doch vergebens. Das Urteil spricht von „schweren Verbrechen des Aufruhrs und Landesfriedensbruches“ und gipfelt in dem zynischen Schlusstext: „Die Auffassungen der Angeklagten gehen davon aus, dass Christus und die Mutter Gottes polnisch gesprochen haben und von
diesem Gesichtspunkt aus kritisieren sie die Maßnahmen der Regierung.“ Die Strafen fallen sehr hart aus. Die Hauptangeklagte Frau Piasecka, alleinstehende Mutter von 5 Kindern, erhält 2 ½ Jahre Gefängnis, andere Frauen zwischen 1 Jahr und 9 Monaten, ein Mann 1 Jahr Zuchthaus, andere 2 Jahre Gefängnis. Insgesamt werden 18 Wreschener Bürger
verurteilt. Als man die Kinder 1902 aus der Schule entlässt, erhalten die meisten von ihnen in Religion eine fünf. Die gleichen Schüler liegen in Deutsch zwischen eins und drei. Hat das der Kaiser unterschrieben? Der Kaiser hatte dieses Gesetz und alle anderen polenfeindlichen Gesetze unterschrieben.
Als 1906 für weitere 200 Volksschulen die deutsche Sprache im Religionsunterricht verbindlich wird, streiken etwa 48 000 Schüler an 755 Schulen. Auf den Posener Schulstreik, der zur Massenbewegung wird und bald auch Schlesien, Pommerellen und das Ermland erfasst, reagiert die preußische Verwaltung mit harten disziplinarischen Maßnahmen.
| 19.2.1772 | 24.7.1792 | 1795 | 1800 | 19.10.1813 | 1815 | 1820 | 1830 | 2.8.1847 | 1848 | 8.2.1863 | 1864 | 1880 | 3.11.1894 | 1901 | 1904 | 26.8.1914 |