Von 1933 bis 1935 regierten in Berlin und Warschau zwei gegensätzliche Potentaten: In Polen ein ehemaliger Sozialist mit patriotischen Herrschaftsambitionen, in Deutschland ein ehemaliger Gefreiter mit dem Wahn der Weltherrschaft.
Das Koalitionskabinett von Deutschnationalen und Nationalsozialisten des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler wird von der deutschen Rechten als Sieg der Maximalforderungen gegenüber dem „Saisonstaat“ Polen angesehen. Die hohen Erwartungen, die sich daran knüpfen, zeigt eine Eingabe des in Sachen Polenpolitik besonders extremen Deutschen Ostbundes an Hitler vom 2. März 1933: „Wir erwarten von der Reichsregierung... die tatkräftige Vertretung der Forderung auf Abänderung der Ostgrenze und Rückgabe des uns geraubten Gebiets... Wir haben zu Ihnen, hochverehrter Herr Reichskanzler, und zu den Kräften und Kreisen,
die sich mit Ihnen und Ihren Anhängern zu einer Regierung der nationalen Konzentration zusammengeschlossen haben, das Vertrauen, daß Sie diese unsere Anliegen nicht nur als berechtigt anerkennen, sondern mit aller Tatkraft und Energie vertreten und fördern werden.“ Die Ministerialbeamten im Berliner Auswärtigen Amt üben sich weiter in der noch
aus der Weimarer Zeit überkommene antipolnischen Tradition. In der Sitzung des Reichskabinetts vom 7. April 1933 schlägt Hitlers deutschnationaler Außenminister Freiherr v. Neurath einen weiter verschärften Kurs der alten Revisionspolitik vor:„Unser Hauptziel bleibt die Revision der Ostgrenze. Nur eine totale Lösung kommt in Frage. Zwischen- und Teillösungen sind abzulehnen ... Eine Verständigung mit Polen ist weder möglich noch erwünscht. Die Spannung mit Polen muß aufrechterhalten werden, und sei es nur, um zu verhindern, daß das Interesse der Welt an einer Revision der deutsch-polnischen Grenze abstirbt.“
In Polen sieht man mit dem Machtantritt Hitlers einen unmittelbaren militärischen Konflikt als unvermeidlich an. Hitler bekennt sich offen aus zu einer Nichtanerkennung der in Versailles festgesetzten Rüstungsbegrenzungen. Nach den verbalen Propagandaschlachten der Weimarer Zeit befürchtet man in Polen nun die gewaltsame Revision. Das Übergreifen der nationalsozialistischen Bewegung auf Polen ruft eine Flut antideutscher Emotionen hervor. Nicht selten schlägt diese auch in allgemeine Aggressivität gegen die deutsche Bevölkerung um. Pilsudski überlegt Hitler mit alliierter Hilfe in einem Präventivschlag zu überrumpeln.
Oberschlesien und Ostpreußen sollen besetzt werden. Noch hat Polens Armee doppelt so viele Soldaten wie die Reichswehr. Als ihm für seinen Coup die erforderliche Unterstützung des Verbündeten Frankreich versagt bleibt, versucht er im März 1933 durch verstärkte militärische Präsenz auf der Westerplatte vor Danzig nachdrücklich an die Einhaltung der Rüstungsbeschränkungen zu erinnern. Großbritannien und Frankreich weisen Pilsudski jedoch in die Schranken und mahnen an die Einhaltung der Völkerbundbeschlüsse.
Pilsudskis Präventivkriegsabsichten bestärken Hitler zu einem vorübergehenden Wandel der nationalsozialistischen Polenpolitik. Die Provokationspolitik Pilsudskis scheint Hitler genauso beeindruckt zu haben wie sie ihn bedroht.
Der Historiker Martin Broszat schreibt: „In der militärischen, autoritären Vorstellungswelt des polnischen Marschalls spürte Hitler
instinktiv etwas Verwandtes.“ „Polen kann sich glücklich schätzen“, so Hitler zu einem polnischen Gesandten, „von einer so großen Persönlichkeit wie Marschall Pilsudski regiert zu werden.“ Die außenpolitische Konstellation für eine Annäherung an Warschau ist möglich. Pilsudski sieht ein, daß Paris für einen Präventivkrieg gegen Hitler nicht zu gewinnen ist. Verstimmt über die mangelnde Berücksichtigung polnischer Interessen durch die Westmächte ist Pilsudski jetzt bestrebt, durch eine Annäherung an Berlin eine - wenn auch vorübergehende - Sicherheitsgarantie einzutauschen.
Jozef Pilsudski und seine Berater kommen zu dem Schluß, daß Hitler, weil er Österreicher und kein Preuße sei, nicht von der traditionellen „antipolnische Wut“ seiner Vorgänger besessen ist. 1934 wird eine auf zehn Jahre befristete Erklärung über gegenseitigen Gewaltverzicht und gegenseitige Nichteinmischung in innere Fragen unterzeichnet.
| 1919 | Januar 1919 | 28.6.1919 | 1921 | 1921-39 | 1933 | 10.1.1934 | 5.1.1939 | 25.8.1939 | 1.9.1939 | 1.9.1939 | 3.9.1939 | 1939-45 | 1940 | 3.4.1940 | 1942 | 1.8.1944 | 2.5.1945 |