Bismarck und Wilhelm II. verfolgen eine harte Germanisierungspolitik gegen das katholische Polen. Je schärfer die Gesetze werden, desto stärker wächst das polnische Nationalgefühl.
"Germanisierungsmaschine, deutsches Reichspatent" steht auf der propolnischen Propaganda-Postkarte. Je stärker der Druck, desto stärker wächst das Nationalgefühl der Polen. Drill, Prügel, Prozesse, Steuern sind die Instrumente der Preußen und was kommt heraus? Ein junger Kämpfer mit einer Fahne auf der steht: Noch ist Polen nicht verloren. Von Integration und Akzeptanz polnischen Nationalgefühls, wie 1815 noch von König Friedrich Wilhelm III. versprochen worden war, kann unter Bismarck und unter Kaiser Wilhelm II. nicht mehr die Rede sein.
Alle Hoffnungen auf souveräne oder gar gleichberechtigte Beziehungen zwischen Polen und Deutschen müssen begraben werden.
1871 beginnt eine Lawine von Gesetzen und Verordnungen, die das Polentum, den Katholizismus, die polnische Sprache zurückdrängen, die wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Grundbesitz der Polen zugunsten deutscher Aktivitäten einschränken sollen. Bismarcks Axiome lauten: Die Existenz Preußens, später des Reiches, ist unvereinbar mit der Existenz eines freien Polen und - die Loyalität der preußisch-deutschen Ostprovinzen kann nur durch deren Germanisierung gesichert werden.
In einer erste Welle wird die katholische Abteilung im preußischen Kultusministerium nach Beteiligung von katholischen Geistlichen am Streik in Chorzow (Königshütte) aufgelöst. Es folgen ab 1872 per Sondergesetz Einschränkungen der
lokalen und provinzialen Selbstverwaltung in den Ostprovinzen und das Schulaufsichtsgesetz. 1873 auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes wird die kirchliche Schulaufsicht aufgehoben, 1874 das Expatriierungsgesetz erlassen, Erzbischof Ledochowski inhaftiert. Die zweite Welle beginnt 1885 mit der Ausweisung von 35.000 Polen und Juden ohne preußische
Staatsangehörigkeit. Die Maßnahme sorgt im Reich für große Empörung. Bismarck rechtfertigt sich: „Wir wollen die fremden Polen lossein, weil wir an unseren eigenen genug haben.“ Das Bild des grausamen preußischen Polizisten knüpft an das Bild von den „Kreuzrittern“ an und erzeugt neuen Hass gegen alles Deutsche. 1886 folgt das Gesetz zur deutschen Ansiedlung in den Provinzen Posen und Westpreußen. Es sieht den Aufkauf polnischer Güter mit Staatsmitteln durch die Ansiedlungskommission, eine günstige Kreditpolitik für deutsche Siedler und eine rigide Kreditpolitik gegen Polen vor. 100 Millionen Reichsmark stellt die preußische Regierung zur Verfügung. Die Summe wächst bis 1914 auf 550 Millionen. Doch die Polen verstehen es, sich zu wehren. Sie gründen mit Geldern des polnischen Adels eine eigene Kreditbank, die Verbandsbank, Bank Zwiazku, und die Landbank, Bank Ziemski. Beide Banken arbeiten erfolgreicher und gewinnträchtiger als
die deutsche Konkurrenz und es gelingt sogar, von deutschen Banken günstige Kredite einzuhandeln und in polnische Kredite umzuwandeln. Der Konkurrenzkampf treibt die Bodenpreise in die Höhe. Das führt letztlich dazu, dass deutsche Gutsbesitzer lieber verkaufen, als polnische und diese ohnehin nur an Polen. Abhilfe schaffen soll 1904 das Feuerstättengesetz. Es verbietet polnischen Siedlern auf neuerworbenem Boden ein Haus
zu errichten und wird 1908 durch das Enteignungsgesetz auf die Spitze getrieben. Es erlaubt die Konfiszierung polnischen Großgrundbesitzes. Das geschieht allerdings nur in vier Fällen, denn das Gesetz wird selbst von den Preußischen Behörden durch Tabulisten unterlaufen. Eine dritte Welle richtet sich gegen die polnische Sprache. Sie beginnt 1876 mit dem Geschäftssprachengesetz, Ausschluss des Polnischen als Behörden, Gerichts- und Schulsprache und gipfelt in der Verfügung, Religionsunterricht, die letzte Nische polnischen Nationalgefühls, nur noch in deutscher Sprache abzuhalten.
Der Erfolg der Germanisierungspolitik, betrachtet man ihre konkreten Ergebnisse, bleibt weit hinter dem Schaden zurück, den sie für ein funktionierendes
deutsch-polnisches Miteinander anrichtet. Sie erreicht vor allem eines, bei der polnischen Bevölkerung wächst ein aktives Nationalgefühl. Galt bis 1848 „ich bin Katholik und spreche polnisch“ gilt nun „ich kämpfe für das Anderssein, ich bin Pole, also bin ich Katholik“.
| 19.2.1772 | 24.7.1792 | 1795 | 1800 | 19.10.1813 | 1815 | 1820 | 1830 | 2.8.1847 | 1848 | 8.2.1863 | 1864 | 1880 | 3.11.1894 | 1901 | 1904 | 26.8.1914 |