Nach Abschluß des II. Vatikanischen Konzils (11. Oktober 1962 - 8. Dezember 1965) wird ein Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Kollegen veröffentlicht. Der darin enthaltene Satz "Wir vergeben und bitten um Vergebung" wird in der Folge von der katholischen Kirche in Deutschland übernommen und zum wichtigsten Leitmotiv der christlichen Versöhnung zwischen Polen und Deutschen.
Am 18. November 1965 geht von der italienischen Hauptstadt ein Zeichen der Versöhnung aus, welches das
feindliche Schweigen zwischen Polen und Deutschen beenden hilft. Aus Anlaß des Zweiten Vatikanischen Konzils treffen die katholischen Würdenträger aus der ganzen Welt aufeinander. Beseelt von der Friedensbotschaft des Konzils verfassen die polnischen Bischöfe einen Brief an
ihre deutschen Kollegen. Sie wagen den Sprung über den Schatten der Vergangenheit und strecken die Hand aus zum Dialog. Der Brief endet mit den denkwürdigen Worten: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Ein unerhörtes Ereignis, 20 Jahre nach dem Krieg Dieser Satz war außergewöhnlich mutig, denn für die meisten Polen gibt es nach den Leiden der Naziherrschaft keinen Grund, Deutsche um Vergebung zu bitten, selbst wenn sie Zeugen von polnischem Unrecht gegenüber Deutschen in der Nachkriegszeit geworden sind. „Dialog“ war das große Motto des II. Vatikanischen Konzils, über religiöse, ideologische und nationale Eiserne Vorhänge hinweg. Kurz vor der 1000-Jahr-Feier der Christianisierung Polens wollen die polnischen Bischöfe in Rom ein Zeichen setzen, in Richtung Westen. „Dafür
werden wir zahlen müssen“, bemerkt einer der Anwesenden Unterzeichner des Briefes. Er behält
recht. Denn die Bitte um Vergebung entspricht nicht der politischen Linie der polnischen Regierung. Partei und Regierung starten deshalb
eine Propagandakampagne gegen den Episkopat – zum Teil durchaus erfolgreich, weil die Bitte um Vergebung für viele Gläubige auf Unverständnis stößt.
Noch schwieriger wird die Lage der Würdenträger, als die Antwort der deutschen Kollegen sehr zurückhaltend ausfällt, zur Oder-Neiße-Grenze kein Wort. Es sieht so aus, als glauben die deutschen Bischöfe, sie würden sich in Gefahr begeben, wenn sie einen deutlichen Standpunkt einnähmen – und
nicht die polnischen Bischöfe, die das Risiko in einer Diktatur bereits auf sich genommen haben. Es dauert lange, bis sich Polens Katholiken von dem Schock darüber erholen, dass sie unter Protestanten sowie unter Sozialdemokraten und Liberalen in der Bundesrepublik auf mehr Verständnis stießen als bei Katholiken und Unionspolitikern. Erst viel später, im Jahr 1968, wird ein „Memorandum deutscher Katholiken zu den deutsch-polnischen Fragen“ veröffentlicht, verfasst vom „Bensberger Kreis“, einer Gruppe zum Teil prominenter katholischer
Geistlicher und Laien, das klare Aussagen wie die folgende enthält: „Daher wird es für uns Deutsche unausweichlich, uns mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass wir die Rückkehr dieser Gebiete in den deutschen Staatenverbund nicht mehr fordern können.“ Dieses Memorandum wird vom polnischen Episkopat als angemessene Antwort auf den
Bischofsbrief angesehen – wenn auch nicht vom ursprünglich angesprochenen Adressaten. Der Briefwechsel der Bischöfe und das
Memorandum des Bensberger Kreises haben die deutsche Öffentlichkeit soweit auf nötige Veränderungen in der Polenpolitik vorbereitet, dass die 1969 gewählte sozialliberale Regierung unter Willy Brandt die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die Bundesrepublik Deutschland in die Wege leiten kann