Mit der Existenz der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc sehen die Machthaber in der DDR die Grundlagen ihres Gesellschaftssystems bedroht
Die Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Krise in Polen 1980 bis 1981 wird von der DDR-Führung sorgfältig beobachtet und analysiert. Sie bewertet die Entwicklung in Polen als „gefährliche Konterrevolution“ sowohl für die DDR als auch für das gesamte Europa. Nicht nur die Führung der Opposition, sondern auch die Spitze der PVAP wird negativ betrachtet, da sie nicht mehr Herr der Lage sind. Gegen die Solidarnosc-Bewegung
wird in den DDR-Medien eine Hetzkampagne entfesselt, antipolnische Stereotype gepflegt und selbst das Zentralorgan der SED “Neues Deutschland“ benutzt auf einmal den deutschen Namen Danzigs - bis dahin ein Tabu in dem sozialistischen Staat.
Selbst die unmenschliche Sprache der Nationalsozialisten wurde im ideologischen Krieg wiederbelebt: Zusammenrottung und Wühltätigkeit, Chaos und Anarchie, Terror, Provokation und Konterrevolution, das waren die Vokabeln, mit denen die SED-Propaganda die Solidarnosc bedachte. Das Neue Deutschland warnte vor dem „polnischen Fieber“. Die Angst der Kommunisten muß
gewaltig gewesen sein. Natürlich blieb das nicht wirkungslos. Es hat viele in der DDR gegeben, die der SED auf den Propagandaleim gegangen sind. Wahrscheinlich war es sogar die Mehrheit.“ (Konrad Weiß) Nach der Anerkennung der Gewerkschaft „Solidarität“ durch ein Warschauer Gericht im Herbst 1980 spricht sich die SED-Führung für eine Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in Polen aus. So ist es nicht verwunderlich,
daß der Kriegszustand in Polen am 13.12.1981 ausdrücklich begrüßt und unterstützt wird. Die DDR-Führung erwartet ein hartes Durchgreifen und stellt großzügige materielle und finazielle Hilfe in Aussicht.
Politisch wird die Rolle der DDR als Juniorpartner der Sowjetunion gestärkt. Da sie auch für die Bundesrepublik ein wichtiger Gesprächspartner bleibt, kann sich die SED im Schatten der polnischen Krise international profilieren.
Unter der Bevölkerung der DDR ist die Haltung gegenüber den polnischen Ereignissen zwiespältig. Sie reicht von krasser Ablehnung („Die Polen sollen erst mal richtig arbeiten“) bis zu stiller Bewunderung. Nur in kleinen oppositionellen Kreisen gibt es deutliche Solidarität mit der Solidarnosc
„Bei einer Minderheit aber löste die überzogene Propaganda Widerspruch aus. Menschen, die vorher isoliert waren, wußten sich auf einmal verbunden in der Sympathie für die Solidarnosc. Das wurde besonders nach der Ausrufung des Kriegsrechts deutlich. An der Solidarnosc schieden sich die Geister, auch in der DDR. Ähnlich wie ein Jahrzehnt zuvor der Prager Frühling, aber ungleich
stärker, weckte der mutige Kampf in Polen Hoffnung auf Veränderung auch bei den Deutschen. Ganz zweifellos hat die Solidarnosc wesentlich zum Entstehen einer Opposition in der DDR beigetragen, auch wenn es ein weiteres Jahrzehnt dauern sollte, bis daraus die Bürgerbewegung wurde, die den realen Sozialismus bezwungen hat.“ (Konrad Weiß)